
Da sich recht viele Mythen um das Fechten ranken, widmen wir diesem Thema eine eigene Seite. Im Folgenden ein Ausschnitt aus der Zeitschrift "Die Corps": Dort gibt der Verbindungsstudent Ian Simon ein Interview über das Fechten.
Ian Simon
Ian Simon wurde 2002 in den USA geboren und ist in Coburg zur Schule gegangen. Dort wurde er auch Mitglied einer der traditionsreichen Schülerverbindungen. Nach dem Abitur hat er zunächst Physik studiert und ist dann zu Integrated Life Sciences (ILS) gewechselt. In seiner Freizeit spielt er gerne Klavier und Tennis.
Interview
Einerseits hat es eine lange Tradition, die bis ins Mittelalter zurückreicht. Damals wurde es Studenten aufgrund ihrer langen Reisen zu den Universitäten erlaubt, als einziger Stand neben Adel und Soldaten Waffen zu tragen. Damals haben Studenten aus der Notwendigkeit heraus, sich zu schützen, den Umgang mit der Waffe erlernt. Oft wurden damit auch Streitigkeiten ausgetragen. Heute ist das natürlich anders und hat auch in der heutigen ritualisierten Form nicht mehr viel mit damals zu tun. Wir pflegen diese Tradition. Vor allem aber ist die Mensur aus meiner Sicht ein Bekenntnis zur Gemeinschaft: Ich bin bereit, mich für euch einzusetzen, und beweise das, indem ich fechte. Es ist ein starkes verbindendes Element, das uns durch alle Generationen hinweg zusammenschweißt.
Ich sehe darin vor allem eine Prüfung, die man bereit ist anzunehmen und zu bestehen. Man zeigt dadurch, dass man bereit ist, zur Gemeinschaft und zu ihren Werten zu stehen – und zwar über das Lippenbekenntnis hinaus. Aber es gibt natürlich unterschiedliche Zugänge, die sich vielleicht sogar bei jedem ein wenig unterscheiden. Der Wiener Psychiater Dr. Dr. Hans-Otto Thomashoff hat im Interview mit unserem Verbandsmagazin CORPS einmal gesagt, dass es sich bei der Mensur um eine Erfahrung extremer Selbststeuerung handelt, bei der man Impulse wie Wegducken oder Flüchten kontrollieren muss. Das kann einem auch bei anderen Belastungssituationen helfen, einen kühlen Kopf zu bewahren.
Eine große Rolle. Ich stehe mit der Mensur für mein Corps und meine Corpsbrüder ein. Und sie stehen im Zweifel auch für mich ein. Man steht zwar im Moment der Mensur als Einzelner da und ficht, aber es ist, wie oben beschrieben, eigentlich ein Teamsport, der ohne die Corpsbrüder gar nicht denkbar ist. Übrigens: Irgendwie hat sich die irrige Annahme verbreitet, man würde bei schlagenden Verbindungen gegen die eigenen Corpsbrüder fechten. Das stimmt nicht. Wir trainieren untereinander, aber die Mensur bestehen wir ausschließlich mit Mitgliedern anderer Verbindungen.
Breslauer Wahrzeichen
Mitten auf dem Plac Uniwersytecki, direkt vor dem Hauptgebäude der Breslauer Universität, steht seit 1904 eine bronzene Figur, die Studierende bis heute nur „den Fechter" nennen: ein junger Mann mit einem Rapier in der Hand. Geschaffen wurde die Jugendstil-Skulptur vom Berliner Bildhauer Hugo Lederer – als Sinnbild für den studentischen Ehrbegriff, der die Universitätsstadt jahrzehntelang prägte.
Der Fechterbrunnen erinnert damit an genau die Tradition, die Breslau zu einer der lebendigsten Verbindungsstädte Europas machte: Über einhundert Studentenverbindungen, allen voran die Corps, pflegten hier die akademische Fechtkunst als gelebte Gemeinschaftskultur – nicht als Wettkampf gegeneinander, sondern als geteilte Erfahrung, die verbindet. Wer heute am Fechterbrunnen vorbeigeht, steht buchstäblich vor einem steinernen Zeugnis dieser Geschichte, die Corps Viadrina Breslau in Wrocław fortschreiben möchte.